Der erste Abend, an dem nichts klingelt
Es gibt einen Moment, den ich vorher nicht eingeplant hatte. Nicht die Regeln, nicht das Modem, nicht die Magazinstapel. Sondern den Moment, in dem ich abends im Raum sitze und nach dem Reflex greife, der nicht mehr da ist. Die Hand fährt zur Hosentasche. Da ist nichts. Kein Display, das aufleuchtet. Kein leises Vibrieren, das sagt: jemand denkt an dich. Nur der beige Kasten unter dem Tisch, der Röhrenmonitor, der noch ein bisschen nachglüht, und draußen der Hochwinter.
So fühlt sich der Kaltstart an. Das Projekt nennt diese erste Phase intern genau so - die ruhige, neugierige Eröffnung, die erst einmal die Welt und das Tempo etabliert. Und Tempo heißt hier: langsam. Quälend langsam, wenn man aus 2026 kommt.
Ich habe in den ersten Nächten angefangen, das Tagebuch ernst zu nehmen. Nicht als Pflicht, sondern weil es das Einzige war, das zuhörte. Hier sind ein paar Seiten daraus - so geschrieben, wie man Anfang 1996 geschrieben hätte, mit ß und allem, denn die Rechtschreibreform wurde zwar im Juli 1996 unterzeichnet, trat aber erst Jahre später in Kraft. 1996 schrieb noch ganz Deutschland nach den alten Regeln.
Erste Nacht
Heute abend ist mir klar geworden, daß die Stille kein Fehler ist. Sie ist einfach da. Ich habe dreimal nach dem Telefon gesehen, obwohl ich weiß, daß niemand anruft. Der Fernseher rauscht leise, draußen liegt Schnee, und ich muß mir eingestehen, daß ich verlernt habe, wie sich Warten anfühlt. Es ist still, als hätte jemand die Welt leiser gedreht.
Was mich am ersten Abend am meisten erwischt hat, war nicht der Verzicht auf Information - es war der Verzicht auf das ständige Gefühl, erreichbar zu sein. Es gibt 1996 ein Festnetztelefon im Raum, und das ist alles. Kein Handy im Alltag. Wenn es klingelt, klingelt es laut und ganz; wenn es schweigt, schweigt es vollständig. Dazwischen gibt es nichts.
Zweite Nacht
Im Radio lief vorhin „Earth Song". Sie sagen, das sei noch immer die Nummer eins. Eben kam dann etwas anderes, etwas mit Klavier, das sich anfühlte wie Regen - der Moderator nannte es „Children" von einem Robert Miles. Ich kannte es nicht und konnte es nirgends nachschlagen. Kein Knopf, kein Suchen. Ich mußte es einfach hören und wieder gehen lassen. Komisch, wie kostbar ein Lied wird, wenn man es nicht festhalten kann.
Das ist die Lektion der zweiten Nacht: Dinge ziehen vorbei, und man darf sie nicht zurückspulen. Michael Jacksons „Earth Song" steht in diesen Januartagen tatsächlich noch an der Spitze der deutschen Single-Charts - bis zum 21. Januar, dann übernimmt Coolios „Gangsta's Paradise". Und Robert Miles' „Children" lief Ende 1995, Anfang 1996 schon im Radio und kletterte langsam nach oben. Ich konnte das damals natürlich nicht wissen. Ich konnte gar nichts wissen. Genau das ist der Punkt der ganzen Übung.
Dritte Nacht
Heute habe ich zum ersten Mal das Modem eingeschaltet. Dieses Geräusch - ich kann es nicht beschreiben, als würde eine Maschine versuchen zu singen und dabei ersticken. Und dann, nach einer halben Ewigkeit, war ich „online". Eine Seite. Sie baute sich Zeile für Zeile auf, von oben nach unten, und ich saß davor und wartete, als würde etwas geboren. Es kostet Geld pro Minute, sagen sie, also muß man sich gut überlegen, was man wirklich sehen will. Ich habe gemerkt, daß ich das Suchen verlernt habe, weil ich es nie wirklich konnte - ich konnte nur fragen. Heute mußte ich wieder lernen zu suchen.
Das Web im Januar 1996 ist ein anderes Land. Es gibt Netscape, es gibt Yahoos Verzeichnis - aber Google existiert noch nicht, und ICQ kommt erst im November. Eine Seite zu laden ist kein Reflex, sondern eine kleine Investition: das Modem wählt sich mühsam ein, die Minuten ticken, und am Ende steht da Text, der sich zeilenweise aufbaut, während man wartet. Man wartet 1996 ständig. Auf Seiten, auf Anrufe, auf den nächsten Tag.
Was die Stille mit einem macht
Ich dachte, das Schwere würde der Informationsentzug sein - nicht zu wissen, wer wo gewählt wurde, was in der Welt passiert, wie es weitergeht. Aber das ist es nicht. Die Chronik des Monats füllt sich auch so: Mitterrand stirbt am 8. Januar, Boris Becker gewinnt Ende Januar in Australien seinen letzten Grand-Slam-Titel, der erste bundesweite Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus wird begangen. Information kommt. Sie kommt nur langsam, gefiltert durch Zeitung, Radio und Röhren-TV, und sie kommt nicht, wenn ich sie will, sondern wenn sie da ist.
Das eigentlich Schwere ist die Leere zwischen den Dingen. Die Sekunden, in denen man früher zum Telefon gegriffen hätte und jetzt einfach - dasitzt. Anfangs ist das fast schmerzhaft. Nach ein paar Nächten merke ich, wie sich etwas verschiebt. Die Gedanken werden länger. Sie haben Platz. Es gibt nichts, das sie unterbricht.
Der Leitsatz des ganzen Projekts ist, die analoge Welt fühlbar zu machen - Emotion durch Stille, Wartezeit und echte Reaktionen, nicht durch Schnitthektik. In diesen ersten Nächten habe ich verstanden, was damit wirklich gemeint ist. Man inszeniert die Stille nicht. Man hält sie aus, bis sie aufhört, leer zu sein, und anfängt, voll zu sein.
Vierte Nacht, kurz vor Schluß für heute: Ich habe niemandem geschrieben, niemand hat mir geschrieben, und trotzdem war der Tag nicht leer. Ich muß mich erst daran gewöhnen, daß das in Ordnung ist. Draußen fällt Schnee, drinnen brummt der Monitor, und ich glaube, ich fange an, das hier zu mögen.
Mehr dazu, wie sich das Online-Gehen im Detail anfühlt und wie der erste Modem-Einwahlton im Stream klingt, kommt in den nächsten Einträgen. Für heute: Schluß. Es ist spät, und 1996 geht man schlafen, wenn das Fernsehen rauscht.